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Drama im Goldenstedter Moor

Wenn der Artenschutz nur noch die Schwanzfeder des Kranichs ist

Es ist still geworden in den Rastgebieten der Kraniche. Auch die vielen Kranich-Touristen sind wieder fort. Der Herbstnebel hüllt die Moore ein, als wollten sie vergessen. Doch ich kann nicht vergessen. Vergessen, was am Rande des Goldenstedter-Moor geschehen war.

Kann weder vergessen noch schweigen. Denn es geht uns alle an. Insbesondere in den Zeiten des Klimawandels, wo der Moor- und Artenschutz einen noch höheren Stellenwert haben sollte.

Es ist der 12.11.2021 und wie jedes Jahr hat uns das Kranichfieber gepackt. Zu Recht wird das Goldenstedter Moor (noch) als einer der schönsten 10 Ausflugsziele im Landkreis Vechta ausgewiesen und auch die Dümmerregion mit dem Marissa-Projekt bewirbt dieses Ausflugsziel, als touristisches Angebot.

Wir steigen an diesem Tag völlig arglos am Parkplatz des Naturschutz Informationszentrum aus und beginnen gegen 14:30 den Moorrundwanderweg um den abendlichen Kranicheinflug zu bestaunen. Es sind schon etliche Spaziergänger unterwegs, auch mit Kindern. Schon jetzt kann man das lautstarke Rufen der Kraniche und Gänse auf den Vorflächen des Moores vernehmen. Das Herz pocht vor Vorfreude. Doch was in den folgenden Minuten und Stunden passieren wird ist so unglaublich, dass man es weder verstehen kann noch verstehen will.

Wir werden zwischen 14:30 und 16:30 Augenzeugen einer Drückjagd, die auf der Moorvorfläche stattfindet. Unter natur- und artenschutzrechtlichen Aspekten mehr als fragwürdig.

Mehrfach werden durch Gewehrschüsse tausende von Kranichen, Bläss- und Saatgänse in Panik versetzt. Der Himmel ein einziges Chaos, verursacht durch die Gewehrschüsse und das Schreien der in roten Westen gekleideten Treiberkette. Selbst als wir uns vermeintlich in Sicherheit wähnen, fallen keine 100 Meter aus dem unmittelbar neben uns befindlichen, dichten Birkenwäldchen mehrere Schüsse, durch die wir uns bedroht fühlen, da es keinerlei Hinweise auf die Jagd gab und keinerlei Absperrmaßnahmen getroffen wurden, obwohl der Moorrundweg zur Hauptzugzeit der Kraniche stark von naturbegeisterten Personen, Gruppen und Familien mit Kindern frequentiert ist. Einige von den Spaziergängern sprechen wir an, warnen sie. Sie äußern Verunsicherung und das Unverständnis über eine Jagd gerade zu dieser Zeit. Sie wundern sich auch über fehlende Schutzvorkehrungen und weshalb man gerade jetzt hier schießen muss, obwohl die Kraniche doch in wenigen Tagen sowieso abziehen. Kopf schütteln …

Wir haben die Nase jedenfalls gestrichen voll, wollen nur noch weg. Ein Allradfahrzeug Nissan Navara Pickup kommt uns auf dem wenig befestigten Grasweg entgegen. Die Insassen sind zwei Männer die offensichtlich viel Spaß hatten und während der Fahrt Getränke in der Hand halten. Das Tempo wird nicht gedrosselt und sie halten direkt auf uns zu. Kurz vor uns nehmen sie die Kurve. Man hat den Eindruck sie lachen über uns. Lachen über all die, die kein grünes Abitur haben. Die angeblich „Einfältigen und Nichtwissenden“. Wir wollen nicht wissen, was sich für eine blutige Fracht in dem Fahrzeug befinden mag. Wollen diesen Ort nur verlassen. Ob wir wieder kommen? Diese Frage werden sich an diesem Tag einige Moorbesucher stellen.

Wir stellen uns zunächst die Frage, was dies noch mit Hege- und Pflege zu tun haben soll und weshalb Jäger, die doch behaupteter Maßen die einzigen „wahren Naturschützer“ sind, exakt vor oder zum Höhepunkt des Kranichabzuges, am Rande der Rastplätze herumballern müssen. Eine Logik bleibt uns versagt.

Einige Tage nach diesem Vorfall erhalten wir auf eine Beschwerde an die untere Naturschutzbehörde, Antwort vom Landkreis Vechta. Immerhin, denn der Jagdverband hatte das bis heute nicht nötig. Der Landkreis wiegelt kurzer Hand ab, sieht weder einen Verstoß gegen naturschutzrechtliche Vorschriften noch gegen jagdrechtliche Vorschriften oder Sicherheitsbestimmungen.  Nach Rücksprache mit dem Jagdpächter würde diese Art der Jagdausübung nur einmal pro Jahr auf diesem Gebiet durchgeführt.

Nun wird ein durchschnittlich verständiger Mensch diese Antwort nicht befriedigen sondern noch mehr verärgern. Die Jagd findet also angeblich nur einmal im Jahr auf diesem Gebiet statt. Weshalb dann exakt zur Hauptzugzeit der Kraniche, gerade wenn diese ihre Kräfte für den Rückflug in den Süden benötigen? Warum nicht erst dann, wenn sie abgezogen sind oder zumindest zu Zeiten, in denen sie noch irgendwo auf den abgeernteten Maisfeldern stehen? Wo ist die Logik? Sind die Behörden auf einem Auge blind? Wo ist die Entschuldigung der Verantwortlichen? Welchen Stellenwert hat der Artenschutz bei den Jägern wirklich? Welche Freiheiten billigt man diesen durch den Gesetzgeber noch zu? Warum antwortet noch nicht einmal der Jagdverband auf eine Anfrage zu dem Vorfall?

Ob unsere Kinder und Kindeskinder den Kranichzug noch erleben dürfen ist äußerst fraglich.

Klimakatastrophen werden den Mooren immer mehr zusetzen und die Störungen, wie hier durch die Jäger, geben ihnen irgendwann den Rest. Eine Überarbeitung des Jagdrechts ist wichtiger denn je.

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